Die Geschichte der Ortenburger Krankenhäuser
und die Vorgeschichte des AWO Seniorenheimes in Ortenburg

Zeichnung Altbau

Lindenallee seit 1960

Zeichnung Neubau

Fürstenzeller Str. seit 2005

Was im Laufe der Jahrzehnte daraus wurde.

Eugen Willeitner, Sohn des ehemaligen Ortenburger Arztes Dr. med. Eugen Willeitner, befasste sich 1956 in seiner Arbeit zur Erlangung der Doktorwürde mit dem Medizinalwesen des Marktes Ortenburg, wobei er auch die Geschichte des Gemeindespitals behandelte.
Nach seinen Angaben ist es 1806 erstmals nachweisbar. Den genauen Ursprung, der mit Sicherheit schon früher war, konnte er nicht ermitteln. Sicher ist jedoch, dass sich Graf Joachim bereits um 1570 mit dem Plan eines Krankenhauses befasste. Dr. Leonhard Theobald schreibt in seiner 1827 herausgegebenen Ortenburger Reformationsgeschichte auf Seite 149 folgenden Hinweis: „Als Joachim im Jahre 1573 an die Durchführung der Reformation in seinem Ländchen ging, wollte er auch eine Schule, ein Spital und eine Armenversorgung einrichten.......“ 

Während für die Schule gesorgt und für die Armenbetreuung etwas getan wurde, musste die Errichtung eines Spitales wegen der Ungunst der Verhältnisse unterbleiben. Das erste uns bekannte Gemeindekrankenhaus befand sich in der Vilshofenerstraße, heute Haus Nr. 15 (Uhrenfachgeschäft Erner). Der ursprüngliche Bau wurde 1965 abgerissen. Der erste Stock des alten Gebäudes diente als Krankenhaus. Im Parterre standen drei Räume als Wohnung für arme Gemeindebewohner zur Verfügung, ausserdem war im Erdgeschoss der Polizeikarzer untergebracht. Das Arrestlokal war damals, als Raufereien noch zum Wochenende gehörten, öfter besetzt und manchmal wurde die ganze Nacht hindurch gelärmt, was die Kranken erheblich störte. Der obere Stock umfasste fünf Räume, von denen drei als Krankenzimmer und zwei als Wohnung für die Wärterin bestimmt waren.
An die Krankenzimmer schloss sich hinten die Todeskammer an. Sechs Krankenbetten standen zur Verfügung. Im Notfall konnte die Bettenzahl auf neun erhöht werden. Die Räume waren sehr einfach eingerichtet. Ausser den Betten und kleinen Schränkchen befand sich darinnen nur ein kleiner Tisch, der dem Arzt als Schreibtisch diente.  Geheizt wurden die Zimmer mit Holzöfen. Als Beleuchtung dienten Petroleumlampen. Ein Bad oder irgendeine Waschgelegenheit war nicht vorhanden. Im  ganzen Haus gab es auch kein Wasser. Es musste aus einem vor dem Haus gelegenen Brunnen gepumpt werden. Für die Patienten, die Pflegerin und deren Familie stand nur eine sehr  primitive Toilette zur Verfügung. Reparaturen am Haus wurden nur ausgeführt, wenn es unumgänglich war.
Ein Behandlungszimmer oder technische Einrichtungen für den Arzt standen nicht zur Verfügung. Die Patienten wurden vom Arzt eingewiesen, dem als Krankenhaus-und Armenarzt auch die stationäre Betreuung oblag. Die zur Behandlung notwendigen Instrumente musste der Arzt jeweils mitbringen. Wenn bei einem Verstorbenen die Todesursache nicht zu klären war, wurden des öfteren Sektionen in der Totenkammer auf dem Sezierbrett vorgenommen, wobei die Krankenpflegerin dem Arzt behilflich war. Die Pflege der Kranken lag gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in den Händen der  Barbara Maitzet, auch Krankenpfleger- Waberl genannt. Sie war von der Marktgemeinde angestellt.  Eine Krankenpflegerausbildung hatte sie nicht mitgemacht. Ihr  Lohn betrug im Monat 15,00 Mark, zuzüglich freier Wohnung, Licht und Heizung. Für die Verpflegung musste sie selber sorgen.
Wegen der geringen Bezahlung war die Krankenwärterin gezwungen, durch Gelegenheitsarbeiten, z.B. Erntehilfe, sich ein Nebeneinkommen zu verdienen.
Das Essen für die Patienten wurde abwechselnd in den Ortenburger Gasthäusern zubereitet. Alle Kranken erhielten die gleiche Kost. Isolierungsmöglichkeiten für ansteckend  Kranke bestand nicht. Während einer Typhuswelle wurden harmlose Fälle und Typhuskranke in den gleichen Räumen untergebracht. Auch Geisteskranke fanden im Spital Aufnahme, so wusste die Krankenpflegerin auch mit der Zwangsjacke umzugehen.

Mit den Jahren wurde das Haus zu klein. Man war auf der Suche nach neuen grösseren Räumlichkeiten. Nach dem Wegzug der gräfl. Familie im Jahre 1806, ging  das 1795 am Fuße der Lindenallee stehende ehemalige Kontrolleurshaus in Privatbesitz über. In einer Hausbestandsliste aus dem Jahre 1811 wird als Besitzer ein „Johann Michael Schmidt, Controlleur und Mitbesitzer des Brauhauses“ genannt, in deren Familienbesitz das Haus bis 1890 war. 
Im Mai 1890 kaufte es die Marktgemeinde für 7.000,00 Mark als künftiges Krankenhaus, stellte es jedoch im Oktober des gleichen Jahres dem Gustav-Adolf- Verein zur vorläufigen Eröffnung eines Konfirmandenhauses zur Verfügung. Bereits 1897 konnten die Konfirmandenschüler in das neugebaute, weithin sichtbare Backsteinhaus am Föhrenberg umziehen. Nachdem nun das alte Kontrolleurshaus für den erworbenen Zweck frei war, wurde umgehend das Erdgeschoss als Krankenhaus eingerichtet. Der erste Stock blieb leer stehen. Die neuen Räume waren grösser und heller als im alten Haus. Es standen jetzt acht Betten zur Verfügung.  Im Notfall wurde auch noch die Totenkammer als Krankenzimmer benützt. Doch, wie Eugen Willeitner schreibt, waren die hygienischen Verhältnisse genauso schlecht wie vorher. Es gab keine Küche, ebenso fehlte ein Behandlungszimmer. Als 1907 das Distriktkrankenhaus in Vilshofen eröffnet wurde, löste man zum 1. Januar 1908 das Ortenburger Krankenhaus auf. Damit ist allerdings die Ortenburger Krankenhausgeschichte noch nicht zu Ende.
Im April 1945 kam das in St.Pölten aufgelöste Kriegslazarett 3/619 nach Ortenburg, das in dem heutigen Gebäude der ev. Realschule untergebracht wurde. Es diente auch  nach dem Krieg noch bis 1949 als Zivilkrankenhaus. Chefarzt war der allseits  beliebte und tüchtige Dr. Günter Kellhammer.
Dies nährte zunächst die Hoffnung, das in Ortenburg wieder ein Krankenhaus errichtet werden könnte. Da 1949 die kirchlichen Häuser wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt wurden, gründete man einen  Krankenhausverein, später als GmbH, der sich ein Aufleben des ehemaligen Krankenhauses in Ortenburg zum Ziel setzte. Man erinnerte sich an das schon bis 1907 gewesene Krankenhaus in der Lindenallee und hatte bereits Pläne für ein neues Krankenhaus bis zum Rohbau verwirklicht. Finanzielle und strukturelle Probleme zwangen zur Aufgabe dieses Projektes.
1960 verkaufte die Marktgemeinde Ortenburg das ehemalige Kontrolleurshaus sowie die dahinter im Rohbau stehenden Gebäude an die Arbeiterwohlfahrt in München. Diese richtete in die inzwischen wiederholt umgebauten und erweiterten Gebäude ein Alten- und Pflegeheim ein.
Eine Fortschreibung der Geschichte erfuhr das AWO Seniorenheim in Ortenburg nun mit der Errichtung eines neuen Ersatzbaues in der Fürstenzeller Straße, Baufertigstellung war im Jahre 2005. Im weiteren Sinne erhielt Ortenburg wieder ein Krankenpflegehaus, jedoch nach modernsten Gesichtspunkten und zum Segen älterer  Mitbürger.



                                                                                                                               Walter Fuchs